Jürgen Reis: „A.L.F. heilt alle Wunden und macht STÄRKER!“

Der XXL-Bericht über zwei Verletzungen UND ... Erster Lichtblick mit einem 6. Platz, beim Ö-Cup-Finale in Salzburg und der Ö-Cup Gesamtwertung ... Alles zu Jürgens Comeback samt Meganeuprojekt
Redaktion: Niels Karwen (Interview) mit BOSSK (Text)
Fotos: Kurt Hechenberger, Martin Schlageter, Jürgen Christmann (www.cuadro-austria.com), Torsten Wenzler (www.augenblicke.tv), Andy Knabl (www.kletterhalle.com) und Sebastian Nagel (www.gestaltungssache.at)


Unmittelbar nach Abschluss der nationalen Wettkampfsaison, startete Jürgen Reis in sein Aufbautraining. „Da ist viel aufzuholen, die Verletzung kostete mich massig wertvolle Trainings-Zeit. An OFFSEASON ist nicht zu denken. Schließlich habe ich einen, zu 90%-wieder-fitten Finger, und kein gebrochenes Bein mehr!“ so seine ersten Worte nach der Heimkehr aus Salzburg, wo dieses Jahr der National-Cup mit dem Finalbewerb endete. Doch wie es exakt zu diesen Handicaps, welche dem Kletter-Pro 2011 leider die Qualifikation fürs rotweißrote Weltcupteam vereitelten, kam? Warum die neue „Powerformel“ A.L.F. nichts mit teddybärigen Aliens gemeinsam hat, und auch eure nächste Verletzungskrise schnell beenden könnte? Wozu Jürgen diesen Sommer ohne Wettkämpfe dennoch 100%ig peakte? Das alles, und noch einige Special-Insider-News, kitzelte Peak Power Co-Autor Niels Karwen in einem Exklusivinterview kürzlich für euch direkt aus Jürgen Reis. Viel Spaß!

http://www.twitter.com/juecon via Andy Winder Sonntag morgens: Trotz „erst zu 90% wieder fittem Finger“: Rang 6 für Jürgen Reis beim gestrigen Ö-Cup-Finalevent in Salzburg! Comeback J - Wir gratulieren!!

Niels:
Schön, dass es so schnell erneut geklappt hat und, dass du bei deinem engen Terminkalender einen Moment Zeit gefunden hast: Wie lebt es sich mit 9,9 Fingernägeln?

Jürgen:
Kein Problem, macht mir ja auch Spaß von meiner glücklichen Odyssee zu berichten. Zum Finger komme ich später noch. Erst einmal: Rückschau!

Niels:
Genau: Rückschau auf diese, deine Ansage in unserem letzten, gemeinsam verfassten Interview: „Sollte ich die größte Statue und den höchsten Titel tauschen müssen gegen das adrenalingepushte Herzklopfen und die feurige Stimmung bei einem Wettkampf, so würde ich, wenn nötig, tausendmal den letzten Platz machen!“ War ja wohl nicht nötig, dies gleich wenige Wochen danach auf die Probe zu stellen ... oder?

Jürgen:
Nein, schließlich wurde ich nicht Letzter, sondern hatte beides: Platzierung und Spaß!

Niels:
In Andy Winders vorangegangen Bericht über deine Verletzung, war primär ein Satz für mich interessant: „Auch wenn sogar aus seinem nächsten Umfeld nun nur noch Wenige an eine Teilnahme bei nationalen Kletterwettkämpfen glaubten: Er machte ernst und kletterte, trotz der Handicaps, alle Ö-Cups inkl. ÖM und den Int. besetzten Bodenseecup in Scheidegg (GER)!“. Heißt das du hattest auch mit Leuten zu tun, die nicht mehr an dich glaubten, und die dich in den Zuschauerrängen sahen?

Jürgen:
Niels, ich bin sicherlich nicht der Normalfall, was positives Denken angeht. Aber manchmal war es wirklich hart und Stimmen wurden laut, die sagten: „Vielleicht auch besser, wenn du mal kürzer trittst!“. Wenn ich mich entsinne, wie es im Januar 2011 war, fällt mir nur Churchills Durchalteparole ein: „Never give in, never give in, never, never, never, never – in nothing, great or small, large or petty – never give in!“ Doch was nützte es: Der Finger war einfach „AUA!“. Als wenn das Training nicht schon hart und vor allem, wenn laktatzides Kraftausdauertraining gefragt ist, nicht auch schmerzhaft genug wäre!

Niels:
Genau – kämpfe, oder kämpfe. Es gibt Dinge, die sind so wichtig, dass es sich nicht mal lohnt über eine Alternative nachzudenken, da sie nicht existiert. Aber bei einem erst nachwachsenden Fingernagel und einem Bruch im Fuß wäre vielleicht doch einfach mal eine Pause medizinisch angezeigt?

Mit Verletzungsdoppelpack beim Heimbewerb in Dornbirn

Jürgen:
Hm, das bedeutet zwar nicht ganz dasselbe, aber im Kern ist es so: Durchhalten und Kämpfen, oder zuschauen. Nicht einmal beim ersten Wettkampf in Dornbirn, exakt in der „heißesten Phase“ beider Verletzungen, hätte diese Option für mich existiert. Um kurz ein wenig vorzugreifen, Niels: Ich war wirklich noch recht „lädiert“. Selbst die brandneuen Climb X Waffen passten meinem, durch den Bruch und den Bluterguss noch angeschwollenen Fuß, leider nicht. Von einem wettkampffitten Finger ganz zu schweigen. Dies berichtete ich auch im Newsbericht von Andy Winder. Mein Betreuer Dr. Cand. Julius Benkö SMSte mir, kurz nach der Diagnose: „In deinem engen Kletterschuh, ist der Fuß eh gut geschient!“. Ich dachte zuerst an einen schlechten Scherz. Aber als sich herausstellte, dass er es ernst meinte und damit recht behalten sollte: Das gab mir neuen Mut! Ich zwängte mich unter Schmerzen in den Schuh, konnte dann, erst einmal drin, tatsächlich über mehrere Stunden einigermaßen „normal“ klettern. Auch wenn, in den ersten Wochen, noch ein XXL-Kletterschuh herhalten musste. Und dann kam, nach den ersten, halbwegs mein Selbstvertrauen stabilisierenden Trainingseinheiten, schon der Dornbirner Heimbewerb. Da einfach zu Hause im Homegym oder im Magic Fit Boulderraum, quasi 500 Meter weit entfernt der K1 Kletterhalle Dornbirn, alleine trainieren und mich schlecht fühlen? Never! Ich dachte einfach erneut an die Worte eines Dr. Cand. Julius Benkö, der meinte „Es gibt kein besseres Training für einen Wettkampf als ... Wettkämpfe!“ Und schwups, ich startete. Und bezüglich der gesundheitlichen „Spitzensportrisiken“, vertraue ich im Kern auf mein Gefühl und dem Prinzip der besten Fachmeinungen: Die Fingersache und der Fußbruch, wurde von mehreren Ärzten beurteilt. Und dies ergab oft grundverschiedene Meinungen. Nach gründlichen Überlegungen und Analysen der Röntgenaufnahmen kamen wir letztlich beim Mittelfußknochenbruch zu folgendem Schluss: Die Verletzung ist ohne Gips besser zu therapieren, als mit. Und auch der Finger sollte weiter, so gut als möglich, kletternd auftrainiert, statt ruhiggestellt werden. Das Risiko war in beiden Fällen vertretbar.

Niels:
Nach dem du es jetzt angesprochen hast – erzähl uns ein wenig mehr von den Details deiner Finger- und Fußverletzungen. Wie kam es dazu und was führte dich zu gleich zwei Ärzten?

Jürgen:
Dann fangen wir erst einmal ganz am Anfang an, Niels. Es begann etwas unglücklich in Albuquerque. Wie meine Leser und du wissen, flog ich kurz nach Neujahr zu einem Trainingslager mit meinem Freund und Mentor Clarence Bass. Ausgerechnet am Tag vor der Abreise trainierten wir noch ein letztes mal gemeinsam und ich absolvierte die „Marty Gallagher Unterarm-Übung“ (siehe Bild in diesem Newsbericht). Beim Herabsenken der mit ca. 60 kg beladenen Langhantel, klemmte ich mir meinem linken Zeigefinger zwischen der Bank und der Hantel ein. Mein Gespür sagte mir sofort, dass etwas nicht in Ordnung war. Aber da es sich um den letzten Tag bei Clarence und Carol handelte, wollte ich ihnen nicht zu Last fallen und auch meinen Rückflug nicht gefährden. Ich ließ mir die Verletzung also nicht anmerken, obwohl die Schmerzen stark, und die letzten Stunden in den USA, sowie die Heimreise ziemlich unangenehm waren. Zurück in Dornbirn ging es freilich direkt ins Krankenhaus und zum Oberarzt. Dieser untersuchte den Finger, und teilte mir kurz danach mit, dass dieser zum Glück nicht gebrochen sei, ich aber den Fingernagel verlieren werde.

Niels:
Das sind alles andere als gute Nachrichten.

Jürgen:
Du sagst es Niels ... Dies bedeutet für einen Kletterer im Klartext „temporäre Invalidität“. Auch wenn es „nur“ einen Finger betraf. Ernsthaftes Training, geschweige denn Maximalkrafttraining, welches die Basis meiner Wettkampfleistung bildet, war undenkbar. Konkret: Der Zeigefinger war den ganzen Januar und Februar über praktisch völlig unbrauchbar. Und um noch einen draufzusetzen: Es zeigte sich eine Nagelbettentzündung und auch die benachbarten Finger machten sich teilweise mit Überlastungserscheinungen bemerkbar ... Aufgrund der „Zusatzarbeit für den verletzten Kollegen“. Was ich via Physio- & Ärzte-Knowhow lernen durfte: Ein Fingernagel ist nicht etwa nur „kosmetisches Beigut“ von Mutter Natur. Dieser schützt die Fingerkuppel und den Knochen. Aber du und die Newsletter-Leser kennen mich. Ich lasse mich von einer Verletzung nicht aufhalten und sehe das Positive darin. Ein Kahnbeinbruch im Jahre 2003 führte schließlich dazu, dass ich mein erstes Buch „Das Peak-Prinzip“, gemeinsam mit Daniel Zauser schreiben durfte. Auch damals trainierte ich, so gut als möglich, um die Verletzung herum. Also forcierte ich auch dieses mal, genau wie im Herbst 2003 mit dem gebrochenen Handgelenk, mein Athletik-, Koordinations- und Konditionstraining. Das Ziel eines Muskelaufbauthrillers profitierte ebenfalls von Trainingsmethoden, wie in diesem Bericht auch via Highlander-Klimmzug-Bild mit Kraftdreikämpfer Andi Jandorek ersichtlich. Obwohl es meiner eigentlichen Hauptdisziplin leider wenig brachte. Um besser zu klettern ist nun einmal 100% intensives klettern angesagt, was nicht möglich war ... doch „Jedes Training ist besser als kein Training!“, war mein Mantra.

Niels:
Das ist richtig. So kennen wir den vielzitierten Kämpfer in dir. Aber wie schon angedeutet, erwischte es dich ja doppelt. Denn die Fußverletzung kam noch hinzu.

Jürgen:
Ja, Niels ... Und dies ist auch eine Geschichte für sich. Nach einer Stretching-Einheit bin ich, wohl ein wenig übermotiviert, die Treppen des Landessportzentrum Vorarlberg hochgesprungen. Gesprungen, gestolpert ... wie und was auch immer ... es geschah im Bruchteil einer Sekunde. Ein Ausrutscher und eine Spontan-Bewegung, um das Schlimmste zu verhindern: Nach vorne zu fallen. Doch mein linker Fuß bekam dafür das Mehrfache der Last ab. Denn ich schlug direkt mit der Kleinzeh-, Mittelzehregion, also einer recht fragilen Körperregion, in den Stiegentritt ein. Das Gefühl war danach seltsam. Daran änderte auch ein kühlender Eisbeutel nichts. Es fühlte sich vereist leider nicht besser, sondern nur noch „verdächtiger“ an. Aber da ich schon zum Landessportzentrum gejoggt war, wollte ich unbedingt auch wieder nach Hause laufen.

Niels:
Moment Jürgen, du bist hinterher noch nach Hause gejoggt, und nicht direkt zum Arzt gefahren?

Jürgen:
Da ich nicht wahr haben wollte, dass der Fuß tatsächlich gebrochen sei, ging ich erst zum Physiotherapeuten. Dieser betastete nur stirnrunzelnd und vorsichtig die inzwischen anschwellende Region. Sein Fazit: „Ab in die Ambulanz, Jürgen!“ Etwas später saß ich also beim selben Oberarzt, der mir auch schon beim kurz zuvor verletzten Finger, die Röntgenbilder „präsentiert“ hatte. Doch leider schüttelte er dieses mal, recht pessimistisch den Kopf und sagte: „Heute hatten Sie weniger Glück als letztens Herr Reis!“. Er zeigte mir das Bruchbild und empfahl einen 6- bis 8-wöchigen Gehgips. Die Alternative: Eine Operation an einer, für eine Schraube ungünstigen Bruchstelle ...

Niels:
Okay, lass mich raten und an diesem Punkt kommt die, anfangs von dir kurz erwähnte, zweite Konsultation hinzu?

Jürgen:
Genau! Denn nach dieser „Verurteilung“ schlich ich, doch recht geschockt, ins Gips-Zimmer gleich nebenan. Dort saß ein anderer Oberarzt, der mich ebenfalls bereits von vorherigen Verletzungen kannte und dieser sagte zu einem weiteren Kollegen: „Schau mal, wie gut der Bub läuft.“. Daraufhin lachte ich, wohl das erste mal seit dem morgendlichen Fehltritt. Denn wenn dich jemand in Österreich Bub oder Junge, wie der Lausbub bezeichnet, ist das immer nett für einen 34-jährigen, der sich wie ich gerne jung fühlt. Was er mit seiner Aussage konkret meinte? Der Bruch würde in meinem Fall, sollte er sich verschieben, auch ohne Gips ausheilen. Er gab mir also einige Richtlinien und „Sicherheitsauflagen“ mit auf den, anfangs zugegebenermaßen schmerzhaften Weg: Spezielles Schuhwerk und auch ein wöchentliches Röntgenbild gehörten dazu. Zugegeben: Von Kletterschuhen wagte ich in diesem Moment noch nicht einmal zu träumen. Doch Julius Benkö erwähnte ich bereits ... Seine SMS kam wenige Stunden später und traf, genau wie die Strategie des zweiten Oberarztes, voll ins Schwarze. Freilich war ich extrem vorsichtig mit allen Belastungen, um keine Verschiebung des Knochens zu riskieren ... Nicht immer ganz einfach als Sportkletterer, aber es ging! Und der Fuß heilte über die Wochen und Monate tatsächlich. Ohne OP oder Gipsverband!

Enger Kletterschuh statt Gehgips oder OP-Tisch, als Therapie für einen gebrochenen Fuß!?

Niels:
Also durch diesen Zufall hat es sich ergeben, dass der Fuß ohne Gips therapiert wurde?

Jürgen:
Wie du weißt, glaube ich nicht an Zufälle Niels. Ich hätte auf alle Fälle noch eine weitere Untersuchung durchführen lassen, wären Komplikationen aufgetreten. Nicht nur für mich als Leistungssportler ist es essenziell, sich eine zweite Meinung einzuholen. Dies vermittle ich auch immer wieder meinen Coachies. Genauso wichtig sind gesicherte Daten zu jeder Verletzung: Röntgenbilder oder ein MRI-Befund sind Pflicht. Alles andere ist in meinen Augen nur „Pfusch“. Doch bildete sich in mir recht rasch eine neue Überzeugung, in Bezug auf professionelles „Verletzungsmanagement“. A.L.F. war für mich nicht mehr länger ein Außerirdischer, sondern stand ab sofort für:

1. Die Verletzung und die einmal gewählte Therapieform, mit den immer damit verbundenen Restrisiken AKZEPTIEREN.
2. Dennoch, das Folgeverletzungsrisiko, so gut als möglich, LIMITIEREN.
und 3. ... das ist wohl der wichtigste Punkt ... so gut es die Verletzung eben zulässt, weiter 110%ig trainieren und somit FIGHTEN!

A.L.F. = Verletzung AKZEPTIEREN, Folgeverletzungsrisiko LIMITIEREN, und weiter FIGHTEN!

Will heißen, das schlimmste ist sicherlich, einen Unfall bzw. dessen Folgen herunterzuspielen, zu ignorieren, oder gar nicht erst ärztlich und fachkundig zu versorgen. Dies erwähnte ich eben, in der Topdiagnose als MUST HAVE. Daran schließen verschiedene, klar zu beachtende Limitationen an, welche die Chirurgen und Physiotherapeuten in meinem Fall auch definierten: Joggen oder längere Walks, wären z.B. in den ersten Wochen nach dem Fußbruch, glatter Wahnsinn gewesen. Selbst bei erträglichen Schmerzen. Eine Pseudoarthrose, davor warnte mich auch mein Freund, Mr. Universe und „Fern-Physiotherapeut“ Thilo Pasch aus Gelsenkirchen via E-Mail, kann zur lebenslangen Dauerbehinderung werden. Diese entsteht, wenn ein nicht geschienter oder gegipster Bruch nicht zur Ruhe kommt. Selbiges beim Finger: Zwar äußerten sich hier die Ärzte, mangels Erfahrung mit den exakten Hebelwirkungen beim Sportklettern vorsichtiger. Doch in Kombination mit meinem Sportphysiotherapeuten und nicht zuletzt dank Kinesiologe Mag. Rudi Pfeiffer, fand ich einen Weg, trainieren zu können. Zumindest ohne den „Worst case“ herauszufordern: Ein gar nicht mehr oder schief nach- bzw. einwachsender Nagel, aufgrund andauernder (Kletter- und Campusboard-)Belastung.

Niels:
Da stimme ich überein, Jürgen! Bei mir gilt abgesehen von Infekten auch immer: Du kannst dich bewegen, also TRAIN ON! Über deine sonstigen Bewegungen wurden wir ja auch über Twitter informiert! Das hier zwitscherten die Vögel, kurz nach dem Finalbewerb, vom digitalen Dachsims! (http://www.twitter.com/juecon) „Auch in der Gesamtwertung des Austria-Cups, schließt Jürgen Reis mit Platz 6 ab. Das Ziel »Verletzt aber Top 10 MUSS sein« ist klar erreicht“. Was ist das...? Von „Müssen“ stand nichts im Bericht von Andy Winder.

Jürgen:
Richtig Niels, ein Sponsor erklärte mir zu Beginn der Saison klipp und klar, unter welchen Voraussetzungen sich Sponsoring für ihn lohnt. Den Rest kannst du dir denken. In der Arbeitswelt nennt man das Zielvereinbarung. Da mir klar war, dass es hier nur einen Weg nach oben geben kann, nahm ich den zusätzlichen Druck an. Ich gab ihm die Hand darauf, dass ich diese Saison wieder in die Top-10 klettern würde. Und ein Handschlag ist hier in Österreich noch eine Menge wert. So war die Motivation noch stärker als sonst, denn nun ging es um Ehre und den Vertrag.

Niels:
Auch interessant mal zu erfahren, wie nicht nur Ehrgeiz, sondern auch ein Sponsor mal eine gute Motivationsstütze sein kann!

Jürgen:
... zu dem ich auch im Falle eines Scheiterns, hinterher ein freundschaftliches Verhältnis bewahrt hätte. Selbst wenn ich, eventuell, zumindest übergangsweise, ohne die Unterstützung zu leben gehabt hätte. Konkreter: Ich hätte ja damit leben müssen. Tja, trotz der permanenten „Positivdenke“... das Spiel das ich spiele, nennt sich Leistungssport. Darin enthalten ist definitiv das Wort Leistung. Zugegeben: Nicht immer romantisch. Aber wenn es dann doch, von „unter ferner liefen“ Platzierungen nach dem Heimbewerb in Dornbirn und dem Int. Bodenseecup in Scheidegg (GER), mit Rang 6 in der Gesamtwertung, endlich wieder in Richtung Siegerpodest geht, und man sich im Ranking steigen sieht ... Das gibt dir neue Power ohne Ende Niels! Das fühlt sich so unendlich gut an, dass es dich selbst das allerletzte fehlende Stückchen Fingernagel manchmal einfach vergessen lässt.

Ziel dennoch erreicht: Platz 6 als MUST HAVE der Top 10

Niels:
Erinnert mich an ein chinesisches Sprichwort: Der Talentierte tut, was er kann. Das Genie tut, was es tun muss!

Genialität besteht zu 1 % Prozent aus Inspiration und zu 99 % aus Transpiration.
Thomas A. Edison


Jürgen:
Genie? Stopp halt Niels ... Du interviewst mich. Und ein Geniestreich waren diese beiden Unfälle wohl kaum. Doch auf einen Gedanken bringt mich dein Stichwort nun doch: „Genius is one percent inspiration and ninety-nine percent perspiration.“, so sprach Thomas A. Edison. Und recht hat er. Denn ein gewissermaßen von meiner Passion Getriebener bin ich sicherlich: Bodo Schäfer, einer meiner Coaches formulierte es so: „Wenn ich nicht kann, dann muss ich!“. Von der ersten „Finger-kaputt-Diagnose“ an, machte ich mir diesen Glaubenssatz zum Mantra, und es wirkte. Das war also sehr wohl auch ein Teil meiner Strategie in Salzburg. Ich wollte, trotz der bestehenden Restrisiken einer Folgeverletzung, wirklich eine anständige Platzierung, und wusste beim letzten Wettkampf auch aufgrund der stetig steigenden Trainingsleistungen, dass es mit jedem Millimeter nachgewachsenem Fingernagel bergauf gehen „müsste“. Doch „muss“ mit der Brechstange gibt’s weder in meinen Büchern für die Leser noch für mich. Ich erzwinge zwar manches, doch Worst Case und ich wäre in Salzburg z.B. beim ersten verfehlten Sprung, in der Qualifikationsroute, gescheitert. Das ist eben Wettkampfklettern. Zugegeben: Bitter. Doch z.B. alles umschmeißen, umschmeißen, was in deinem 2019er-Bericht drin war drin war? Eines meiner Vorbilder Yuji Hirayama veröffentliche vor einem Wettkampf: „Ich höre auf mit den Wettkämpfen, sollte ich nicht das Finale erreichen.“ Gottseidank kletterte er in die Topränge. Es war schließlich der Anfang einer laaaangen Karriere, die er selbst jetzt, mit 42 Jahren, noch nicht offiziell beendete! Der japanische Weltcupsieger ist zwar in den meisten Belangen mein größtes Vorbild. Ein Bild (in diesem Bericht ersichtlich) ziert sogar das Power-Quest.cc Studio. Doch so ein Denken wäre mir doch ein wenig zu heftig.

Niels:
Kurz noch einmal zurück zu Salzburg und den Ö-Cups ...

Jürgen:
Richtig! Danke meinem Trainer Gerhard Salchegger für die Geduld, und an das trotzdem an mich glauben diesen Winter. Als Organisator und Hallensprecher beim Finalbewerb war es mir eine besondere Freude, wenigstens beim letzten nationalen Bewerb, das Finale erreichen zu können. Salzburg steht übrigens, nach Dornbirn versteht sich ;), als Sportstadt derzeit an Stelle zwei meines Rankings! Und hiermit noch zwei Reisetipps: Das tolle Hotel „Guter Hirte“. Schon bei einem Trainingslagerbesuch bei Gerhard Salchegger 2010, stand mir dort ein perfektes Team hilfreich, professionell und freundlich zur Seite. So auch dieses mal. Zudem sind es nur wenige Schritte zum Hauptbahnhof. Anreise via Bahn ist für mich, ebenso wie für gut 80% der Trainingslagergäste, welche mich hier in Dornbirn besuchen, erste Wahl. Speziell bei Wettkämpfen, buche und empfehle ich inzwischen generell die ÖBB-Wagons erster Klasse. Es darf perfekt sein!

Aus dem Gipszimmer direkt zum Wettkampfvorbereitungstraining?

Last, but not least: VIELEN DANK an meine Familie, die Ärzte und Chirurgen im Krankenhaus Dornbirn, Mag. Werner Petrasch, Mag. Rudi Pfeiffer, Dr. Robert Spiegel, Jan Budde (Body Attack), Peter Drössler und Joe Garland (Climb X), die Teams der K1 Kletterhalle Dornbirn, des Magic Fit und des Landessportzentrums Vorarlberg, Dipl. SPT Hanno Halbeisen, Dominik Feischl, Dr. Cand. Julius Benkö, Andreas Bindhammer, Thilo Pasch, meinen Trainingspartner allen voran Lukas Fäßler und Marco Moosbrugger, ... und an alle, die dennoch an mich glaubten!

Niels:
Was mich noch interessieren würde ... Da wir bereits bei deinen Trainingslagerausführungen zu unserem gemeinsamen Buch Peak Power viel darüber diskutierten: Deine Kämpfer-Diät „Out of Peak-Country“...

Jürgen:
Kämpfer-Snacks & Kämpfer-Dinner bei Wettkämpfen, Reisen und Trainingslagern? Du hast absolut recht Niels! Es wird Zeit, dass wir das genauer beschreiben! Das Kämpfer-Dinner on the road wird endgültig ein Kapitel in Peak-Time 2 ... doch mein sechstes Buch wird sich, wohl auch aufgrund meiner Comebackvorbereitungen, noch etwas gedulden müssen. Doch soviel sei verraten: Body Attack Proteinpulver, mitgebrachtes, haltbares Gemüse, Milchprodukte & Eiweiß-Riegel, Red Bull Sugarfree und eine Menge (fast orginale) Clarence Bass Cappuccinos (DANKE Maria), waren meine Hauptnahrungsquellen. K.I.S.S. in Reinkultur heißt es für mich bei Wettkämpfen.

Niels:
Zurück zu den Twittermeldungen des www.juergenreis.com-Teams ... „MASTERS im Herbst!?“ – hieß es da kürzlich ... hast du schon einen konkreten Termin für den nächsten Wettkampf? Und was ist mit 2012?

Jürgen:
Eventuell. „Dank“ meines 6. Gesamtrangs im Ö-Cup, verfehlte ich 2011 natürlich die Quali fürs Weltcupteam. Da ist Top-3 angesagt. Doch unbestätigte Pläne mehrerer Veranstalter, für Einladungsbewerbe, ähnlich wie 2010 in Briançon, kamen inzwischen auf meinen Schreibtisch. Zumindest ein definitiver Wettkampf steht fix in meinem Kalender: Am 6. Dezember wird, bereits „vorgreifend“ auf 2012, der erste Ö-Cup-Wettbewerb der nächsten Saison statt finden. Und 100%iges Comeback im 2012 auch im internationalen Bereich? So sicher, wie du mit einem Camping-Bus auf die Lofoten fährst, und dort mit der Fliegenrute Seelachs fängst, Niels :)

Noch für Dezember 2011 steht ein nationaler Kletterwettkampf auf dem Kalender – Das 100%ige Comeback für 2012, auch an der „internationalen Front“ ist fix anvisiert!

Niels:
Da ich deine Selbstdisziplin mehrfach, auch bei einem Trainingslager mit dir in Dornbirn erlebte, bin ich mir sicher, dass du 2012 eine würdige Profisaison hinlegst: Freut mich übrigens auch, dass ich dich mit meinem „Profi bis 2019-Interview“, letztens etwas angespornt habe. Doch noch einmal kurzes Nachhaken bzgl. deiner konkreten Kurz- und Mittelfristzielen ... Denn eine „höchst verdächtige“ Twittermeldung vor wenigen Wochen, stieß mir doch noch speziell ins Auge Jürgen: Am 22.6. hieß es per http://www.twitter.com/juecon ... „Via Trainingslager & Kämpfer-Diät 3.0 startete Jürgen vor 3 Tagen die eigene Peak-Phase! Das Ziel? »Die Form meines bisherigen Lebens«“. Und weiter gings letzte Woche mit: „Aktuelle 4,24% Körperfettanteils-Sommerpeak-Bilder ....“ auf unserer Facebook Fanpage. Also, raus mit der Sprache, Jürgen! Was ist der Grund für diese Peak-Phase? Ist das jetzt, mitten im Sommer, nicht doch ein wenig früh, um erst im Dezember zu starten?

Jürgen:
Moment Niels! Wer sagt mir denn, dass nicht doch im Herbst aus heiterem Himmel eine Masters-Ausschreibung zu mir kommt? Dann heißt es innerhalb von drei bis vier Wochen nach der Anmeldung Start. Und außerdem ... (Anm. d. Red.: Jürgen zögert verlegen)

Niels:
Moment ... da ist doch noch was, oder!? Dieses Schmunzeln und das Funkeln in deinen Augen macht mich gerade extrem neugierig ...

Jürgen:
OKAY Niels, du hast gewonnen! Eines sei somit als Finale Grande dieses Berichts verraten: Es wird ein Neuprojekt geben. Auch das ist mit ein Grund der Verzögerungen mit dem nächsten Buch Peak-Time 2. Mein erster Film wird wohl noch 2011 im Handel sein!

Niels:
Eine ... Jürgen Reis-DVD!?!?! Das sind cooooooooole News ... Jürgen ...

Statt der Weltcups, das Sommerprojekt 2011: Die erste Jürgen Reis DVD!?

Jürgen:
Ja, ich weiß Niels, jetzt ginge dein Interview vermutlich erst so richtig los. Doch ich denke, ich habe die Fragen warum du diesen Text unseren Newsletter-Lesern präsentieren wolltest, nämlich die Hintergründe der Wieder-gesund-Werdung, beantwortet. Wie wäre es mit einem Folgeinterview für unseren nächsten Newsletter im Spätsommer?

Niels:
Deal Jürgen! Danke für das Gespräch. Du darfst sicher sein: Auch ich werde mir aus deinen Aussagen, wie immer, ein paar Sachen auf meine „Nie-mehr-vergessen-Liste“ übernehmen. Da waren zahlreiche Essenzen dabei, was zu tun ist, wenn das Leben immer eine Richtung haben soll. Und zwar jene, die auf schnellst möglichem Weg zurück ans TOP führt!

Die zwei vorangegangenen Berichte zu Jürgens aktueller Wettkampf-Saison,
findet ihr direkt unter folgenden Direktlinks:


Verletzter Jürgen oder ... Aller guten Dinge sind ... ZWÖLF!?
„Ich bleibe Profisportler, mindestens bis 2019“

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