„Das war definitiv deine bislang beste Saison!“

Jürgen Reis wurde 2ter beim Int. edelrid-Masters und erreichte das Halbfinale des Weltcup-Finalbewerbs in Slowenien
Redaktion: Stefan Walkner

Die Aussage in der Überschrift dieses Berichts kam fünf Minuten nach dem Finale des Int. edelrid-Masters in Ottobeuren. Und zwar von keinem Geringeren als Erwin Marz, Betreuer der deutschen Nationalmannschaft und auch jahrelanger Trainingsbetreuer von Jürgen Reis. Doch alles der Reihe nach.
Ein Interview, welches ich vor etwas mehr als drei Jahren führte, fand unter deutlich getrübtem „Sportlerhimmel“ statt. Ein frisch operierter Handgelenksbruch und ein zwar wie immer optimistischer, aber doch deutlich angeschlagener Jürgen Reis berichtete mir damals über die „verkorkste Saison 2003“.


Stefan Walkner: Nun diesen Herbst war alles anders, oder Jürgen?
Jürgen Reis: Bis auf einen schwachen Auftakt in Penne (ITA) – ich kam nicht ins Halbfinale und wollte die Saison auf der Stelle beenden – im Ernst! Gottseidank hat mich mein Vater erstmal zu einem zusätzlichen Ruhe- und Sightseeingtag nach Rom entführt – wohl in weiser Voraussicht – wie immer! Bereits nach der Landung am Montag in Zürich war mein ganzes Leben auf die verbleibenden zwei Bewerbe fixiert. Ich trainierte und lebte wohl wirklich fokussierter denn je!

Stefan Walkner: Es sollte sich auszahlen ...
Jürgen Reis: Ja – in Kranj glaubte ich die letzten Jahre langsam aber sicher fast an einen bösen Fluch oder so was (lacht) – ich verfehlte ständig um einen oder zwei Plätze das Halbfinale. Es ist der Finalbewerb, noch dazu in einem Land, das für alle recht schnell erreichbar ist. So ein super Event lässt niemand aus, der in Form ist! Dieses Mal klappte es! Ich wurde 24. und schloss die Weltcupsaison in der Gesamtwertung mit einem fürs Erste zufriedenen 26. Platz ab.

Stefan Walkner: 26.? Du warst 25. in deinem „Singapurjahr“ 2002. Nervt dich das nicht ein wenig?
Jürgen Reis: Und ob! Du kennst mich! Liebend gerne hätte ich meine bislang beste Weltcupgesamtplatzierung verbucht! Und doch liegt Erwin Marz mit seiner Aussage absolut richtig. Singapur war eine „Eintagsfliege“ vor einem nicht vollständig angetretenen Weltcupfeld. Vor und nach diesem Bewerb kletterte ich oft nicht einmal unter die ersten 40! Dieses Jahr schaffte ich es, außer in Dresden und in Penne, bei allen Weltcups unter die ersten 30 und somit in die Punkteränge. Auch der zweite Platz bei den österreichischen Staatsmeisterschaften und natürlich der tolle Abschluss in Ottobeuren vergangenes Wochenende zeigen die konstante Form.

Stefan Walkner: Also ein Ziel für 2007?
Jürgen Reis: Natürlich – und wenn nicht nächstes Jahr dann übernächstes – ich habe Zeit (lacht)! Ich werde im Winter viel an meiner Maximalkraft arbeiten und mich aber auch sonst in allen Bereichen meiner Leistungsfähigkeit steigern. Ich bin motiviert wie noch nie. Andreas Bindhammer, der das Masters am Wochenende gewann, wird u. a. auch durch die K1-Dornbirn noch öfter mit mir gemeinsam trainieren. Ich brauche die Nähe zu Weltcupleuten – nicht immer, aber regelmäßig zur Leistungsbestimmung. Dadurch, dass ich meinen Sport als Profi betreiben kann, sind die Möglichkeiten einfach gegeben und ich werde sie nutzen. Das Umfeld und auch die Betreuung ist sicher optimal. Ein besonderer, persönlicher Dank an dieser Stelle an Julius Benkö, Fredy Anwander, Rudi Pfeiffer, Werner Petrasch und Alwin Leitner. Ihr seid super!

Stefan Walkner: Im eingangs erwähnten Interview hast du, wenn ich mich recht erinnere, was von „Profi bis ich 30 bin ...“ verkündet. Wie alt bist du Jürgen? Wie wäre es mit einer ordentlichen Trainingspause mit anschließender Leistungssportpension?
Jürgen Reis: JA – ich bin 30 (lacht) ... ich denke jedoch, bei Versprechen oder Zielsetzungen die, wenn so eine „Deadline“ eintrifft keinen Spaß oder Sinn machen, kann ich wirklich furchtbar inkonsequent sein. Zahlreiche teilweise wesentlich ältere Athleten im Weltcupzirkus haben mich dieses Jahr immer wieder zum konsequenten Weitermachen motiviert. Ich hatte interessante und vor allem aufschlussreiche Gespräche zum Thema „Hochleistungssport über 30“. Mein Dank gilt dabei primär Yuji Hirajama, Luca Zardini und Andreas Bindhammer. Alle drei wirken auf mich immer noch wie Mitte 20 und strotzen vor Energie, Lebensfreude und natürlich absoluter „Weltcup-Power“!

Stefan Walkner: Wann startet dein Aufbauprogramm für 2007?
Jürgen Reis: Heute ist Sonntag. Gestern war der Bewerb in Ottobeuren. Du kennst mich – ich starte morgen Montag (lacht)! Ja, ganz im Ernst, ich habe die erste Einheit auf morgen 6.40 in der Landessportschule bereits fixiert! Doch keine Sorge: Die nächsten sieben Tage sind für mich eine Art Belohnung nach der wirklich sehr intensiven Weltcupzeit. Einfach wieder mal nach Lust und Laune trainieren und klettern – im Ernst – ich freute mich schon die ganzen letzten Wochen unheimlich darauf. Danach wird natürlich eine Übergangsperiode ohne Training folgen, auch wenn mich meine Betreuer dazu wohl fast „beknien“ mussten! Zur definitiven, ersten Aufbauperiode, die am 13. Dezember startet, werde ich noch einige strategische Details mit meinem Trainer Julius Benkö klären. Auch mein Vater ist mir inzwischen auch außerhalb der Bewerbe eine große Hilfe. Er begleitete mich als Privatcoach zu allen drei Herbstbewerben und kennt mich inzwischen wirklich sehr gut. Ich denke, die nächsten Wochen wird eine Spur weniger, dafür härter trainiert. Ein paar Tage Weihnachten und eine Übergangswoche bei Clarence Bass im Januar sind ohnehin Nahziele ... also genug Zeit zu „aktiver Aufbauerholung“.

Stefan Walkner: Wann beginnen die ersten Bewerbe?
Jürgen Reis: National startet die Saison im März. Die ersten Weltcups folgen im April. Ich weiß, das klingt nach viel Zeit, aber bei einem konsequenten Winteraufbau vergeht diese meist schneller als man denkt. Klar 1½ Wochen „strategische Pause“ dürfen sein – aber ich will diesen Winter einfach keinen einzigen Tag versäumen!

Stefan Walkner: „Burnout“ oder einfach mal müde zu sein, sind für dich anscheinend wirklich Fremdwörter. Woher kommt diese konstante Motivation?
Jürgen Reis: Ganz einfach: Ich liebe was ich tue. Im Ernst – das Training gestalte ich bewusst sehr abwechslungsreich und natürlich immer wieder aufs Neue anspruchsvoll. Viel, viel Schlaf und auch Ruhe an den Ruhetagen sind natürlich auch wichtig! Alles zu seiner Zeit!

Stefan Walkner: Danke für das Interview und alles Gute für eine starke, verletzungsfreie Saisonvorbereitung!

Stefan Walkner ist seit 2003 Mitarbeiter bei consolution.at und selbst im Sport tätig - er spielt seit 14 Jahren Handball.

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